Während der Reha hatte ich ein interessantes Gespräch mit meiner behandelnden Ärztin. Nach meinen Erfahrungen, die ich immer wieder machen musste, verstehe ich das Leben als ein Kampf. Je nach sozialer, gesellschaftlicher und finanzieller Stelle ist dieser Kampf unterschiedlich stark ausgeprägt. Bis er sogar kaum spürbar ist. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall besteht das Leben aus einem brutalen Überlebenskampf auf der Straße. Zwischen diesen beiden Extremen spannt sich das auf, was wir Leben nennen.
Meine behandelnde Ärztin fand meine Meinung nicht gut. Sie vertrat eher die Ansicht, dass das Leben kein Kampf sei. Vielmehr besteht das Leben aus einem Fluss von unterschiedlichen Phasen. Herausforderungen wechseln sich mit entspannten und erfolgreichen Phasen ab. Nach einer Niederlage kommt wieder ein Erfolgsmoment. Dieses wellenartige Muster von auf und ab, nenne man Leben. Es kann mitunter anstrengend sein. Aber ganz sicher ist das Leben kein Kampf. Ich solle, so ihre Meinung, von dieser Begrifflichkeit schnell Abschied nehmen. Damit, so ihre Ansicht, dramatisiere ich herausfordernden Situationen und reduziere das gesamte Leben auf einen bitterlichen Prozess. Und als Mensch können wir nicht ständig kämpfen. So viele Ressourcen besitze der Mensch nicht. Nach jedem Kampf benötigen wir Erholung, um wieder Kraft zu sammeln.
Genau in diesem Moment verstand ich, dass sie niemals nachvollziehen kann, wie sich mein Leben mit Ängsten anfühlt. Wenn die nackte Angst in allen Zellen kriecht und einfach die Kontrolle über Gedanken und Handlungen übernimmt. Es ist aber nicht nur die Angst, die mich hemmt und immer wieder zurückgeworfen hat. Das Leben ist auch deshalb ein ständiger Kampf, weil ich immer wieder gezwungen werde, um mein Recht zu kämpfen. Einsparungen im sozialen Bereich sind plakativ politisch gut zu verkaufen, doch solche Aktionen treffen immer nur die Schwachen und verschärfen die ohnehin schon prekären Situationen. Und für Inklusion wird fast nichts getan.
Sich immer wieder täglich, um eine Chance zu bemühen. AMS-Kurse besuchen, Weiterbildungen und Schulungen zu besuchen. Bewerbungen schreiben und hoffen, dass sich das Nötigste finanziell ausgeht, ist nun mal ein Kampf. Ob es dieser Ärztin passt oder nicht. Jeden Cent drei oder viermal umdrehen zu müssen. Auf viele soziale und freudige Erlebnisse zu verzichten, weil das Geld nicht reicht. Und immer mehr in die gesellschaftliche Isolation zu versinken und sich mit allen Kräften dagegen zu wehren und einen Weg daraus zu finden, ist ein täglicher Kampf. Täglich Angst zu haben, dass etwas kaputt geht und man sich eine Neuanschaffung oder eine Reparatur nicht leisten kann ist kein harmonisches Leben.
Da hilft es auch nicht, wenn besser gestellte Personen Ratschläge verteilen, nicht mehr vom Kampf zu sprechen. Sondern von Herausforderungen, nur weil es harmonischer klingt. Es verschleiert und verschönt nur das Problem, führt aber keinesfalls zu einer Lösung. Ich glaube, ich habe mich noch nie so selten missverstanden gefühlt wie in diesem Moment der Reha.