Ohnmacht

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. Der erste Artikel der „Erklärung der allgemeinen Menschenreche“ von 1948 klingt, wie Hohn in meinen Ohren. Eher erscheint mir der Zusatz „Und einige sind gleicher“, stimmiger zu sein. Während andere weniger Würde zukommt. 

Sozialhilfe zu beziehen, bedeutet gleichzeitig eine totale Abhängigkeit vom System und damit ein Ende der Gleichheit. Diese existentielle Abhängigkeit von dem System und insbesondere von einem Sachbearbeiter oder Sachbearbeiterin ist für mich eine unglaubliche Ohnmacht. Es kam immer wieder vor, dass ich auf meine Fragen keine Antwort erhalten habe. Tagelang, teilweise auch einige Wochen blieben meine Anfragen ungehört. Bis irgendwann ein Brief kam, der aber nicht auf meine Anfragen Bezug nahm.

Niemals habe ich mir gewünscht, in diese Abhängigkeit zu rutschen. Oder habe mir ein Leben in der „sozialen Hängematte“, wie einige es gerne bezeichnen, gewünscht. Ich nehme an, dass es sich die wenigstens Menschen gewünscht haben, in dieser Situation zu sein. Aber ich bin auch aus gesundheitlichen Gründen tief reingerutscht. Und stecke dort unfreiwillig fest. Und wie es mir scheint und die letzten Jahre gezeigt haben, gibt es kein Entrinnen. 

Diese Abhängigkeit führt zu einem enormen Druck und zu großer Angst. Nicht ohne Grund schaue ich jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen als erste Handlung auf mein Konto. Ist vielleicht ein Wunder geschehen und es gab ein Geldeingang? Einen Bonus, mit dem ich nicht gerechnet habe? Ein Geschenk? Eine wundervolle Überraschung in harten Zeiten? Oder wurde etwas unerwartet abgebucht? 
Sind Zahlungen fällig geworden, an die ich nicht gedacht habe oder wurde die Unterstützung reduziert? Oder noch schlimmer, was immer wieder ohne Vorwarnung geschah, wurde die Unterstützung einfach eingestellt? 

Ich erwische ich mich oft hoffend, dass sich eine Chance ergibt. Ein Wunder über Nacht geschehen ist. Jedes Mal schaue ich mit einem flauen Gefühl auf meinen Kontostand. Und jedes Mal sehe ich direkt, es sind wieder keine Möglichkeiten vorhanden, Träume zu realisieren. So möchte ich nicht leben. So wollte ich niemals leben müssen. 

Allzu oft habe ich mit dem Gedanken gespielt, das Leben zu beenden. Kämpfen? Wofür? Und warum? Für welche Zukunft? Wenn die Hoffnung schon lange zerbrochen am Boden liegt. Und jede Zuversicht aus mir englitten ist. Das ist die reine, pure Ohnmacht gegenüber diesem System. Dieses Gefühl, ohne Macht zu sein, hilflos wie ein alten Kahn in tobender See gehört seit Jahren zu meinem festen Bestandteil meiner Gefühlswelt. Es kommt mir so vor, als ob, alles, was ich anfasse, zerbricht. Jede Hoffnung scheint sich Rauch aufzulösen. Jede scheinbare Chance auf ein normales Leben zerfällt so unglaublich schnell. „Wir melden uns. Es war inspirierend Sie kennen lernen zu dürfen. Sie würden viel bewegen hier.“, sind oft die letzten Worte bei den vielen Bewerbungsgesprächen, ehe einige Zeit später eine Absage per Mail kommt. Und wieder zerfiel eine Hoffnung. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in dieser Situation war. 

Dabei ist dieses Gefühl der Abhängigkeit kein reines Gefühl, sondern ein Faktum eines unausgewogenen Machtverhältnisses. Gegenüber den Behörden bin ich, in einer letzten Konsequenz, weitgehend machtlos. Diese grenzenlose Machtlosigkeit gegenüber den Behörden musste ich bereits ein paar Mal erfahren müssen. Natürlich wurden Methoden und Instrumente eingerichtet, um sich gegen Fehler, Machtmissbrauch und Behördenwillkür wehren zu können. Aber das braucht Zeit. Die Mühlen mahlen langsam. Und was in der Zwischenzeit ist, interessiert niemanden. Und aufgrund meiner finanziellen Situation bin ich nicht in der Lage mir einen Anwalt leisten zu können. Diesen Umstand kennen die Behörden. Und die kostenlose Rechtsberatung einiger NGOs sind gelinde gesagt eher darauf bedacht, möglichst stressfrei den Fall zu erledigen, anstatt tief in die juristische Materie einzutauchen. Damit wird die Machtlosigkeit betroffener Personen weiter befeuert. Ich habe es oft erleben müssen, dass die Antwort dieser Rechtsberatungen eher darauf abzielen, jegliche Forderungen der Behörden weitgehend zu erfüllen, anstatt meine rechtliche Position zu stärken. Wie oft ich eine solche kostenlose Beratung besuchte, weiß ich gar nicht mehr. Aber viel zu oft ging ich ernüchternd nach Hause. 

Allein dafür, dass ich Sozialhilfe beziehe, schäme ich mich. Es fühlt sich an, als ob ich in meinem Leben einfach komplett versagt habe. Dabei habe ich studiert, etliche Weiterbildungen und Umschulungen gemacht, nur um einen Weg daraus zu finden. Und letztlich nur, um zu erkennen, dass es scheinbar alles sinnlos gewesen war. Und das schmerzt. Ebenso die etlichen Versuche der Integrations- und Inklusionsprogramme, die ihre eigenen Versprechungen nicht halten können. Neben dieser Abhängigkeit eine totale Ohnmacht zu spüren. Und das Gefühl nicht wertvoll genug für zu sein. 

Darüber, aber auch lustige und schrullige Momente möchte ich hier schreiben. Vielleicht, um mir den Schmerz von der Seele zu schreiben. Um andere Betroffene zu finden und wer weiß, was sich entwickelt. Solange noch ein kleiner Samen Hoffnung keimt, scheint noch nicht alles verloren zu sein. 

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