Auch in unserer Tagesstruktur will ein potentieller Neueinsteiger wissen, wie es bei uns so läuft. Dafür gibt es eine Schnupperwoche, in bis zu fünf Tagen, kann man das Leben in der Tagesstruktur in seiner kompletten Bandbreite erleben.
Schnuppern am Morgen, vertreibt hier garantiert weder Kummer noch Sorgen. Es ist oft wirklich sehr peinlich. Man erlebt die gesamte Bandbreite des Lebens in einer Tagesstruktur. Bevormundung der Betreuer und Betreuerinnen, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen und ihre manchmal sehr spezielle Art, plus demütigender Spiele, deren Sinn kein Mensch versteht. Jedenfalls keiner von uns. Ist man unter sich in seiner behütenden Gruppe, dann vergisst man sowas manchmal. Man lebt sein Tagesstruktur-Leben mit vielen Höhen und auch Tiefen. Aber kommt jemand aus der realen Welt zu uns, ja dann fällt einem so Einiges auf.
Aber zurück zum Start des Tages. Erstmal Begrüßung und Anwesenheit abklären. Nachdem unsere Arbeiten und andere tagesrelevanten Pflichten eingeteilt wurden begleitet von vielen Meinungsverschiedenheiten plus Diskussionen, geht es munter weiter. Manche Dinge kann man nicht einfach so stehen lassen. Wichtige Fragen werden aufgeworfen wie etwa: Wer hat was zu tun? Muss eine Person vielleicht gefühlt zu viel tun? Hier teilt sich die Spreu vom Weizen. In der Unterzahl sind die hilfsbereiten Personen. Bei manchen Aufgaben meldet sich kein Mensch freiwillig. Zwingen lässt sich keiner, daher wird aus der schwarzen Box gezogen. In der Box befinden sich all unsere Namen und der Zufall bestimmt die arme Sau, die dann zu dieser Aufgabe verdammt ist.
In der Tagesstruktur wird täglich frisch gekocht. Damit jeder weiß, was es gibt, muss das Koch-Team in eine Liste eintragen, was es kochen wird. So kann man vorweg entscheiden, ob man mitessen möchte oder sich eine Jause mitnimmt. In der Realität macht das wirklich fast niemand. Also wird ausgiebig diskutiert, was gekocht wird. Völlig unvorbereitet, weiß das das Koch-Team selbst nicht, was es kochen soll. Was folgt ist die fast tägliche Erinnerung der Betreuer und Betreuerinnen in die Liste einzutragen, was es diese Woche zu essen gibt. Daher die Frage an die Gruppe: Was soll es heute geben? Die Diskussion geht los. Ein paar wollen immer das Gleiche essen. Gesund und frisch gekocht soll es nach der Verordnung der Tagesstruktur sein, aber auch schmecken. Geschmack ist subjektiv, daher sind die Meinungen unterschiedlich. Das meist unfreiwillig gezogene Koch-Team soll es auch realisieren können. Einer der Lieblingsvorschläge ist Gulasch. Gab es oft, ist leicht zu kochen. Setzt sich in vielen Fällen durch. Vegan erwünscht? Meist ja. Wie viele essen freiwillig mit? Die Fragen wurden geklärt Salat gibt’s noch dazu. Ich denke daran, dass Chantall, die zum Kochen dran ist, sich letztes Mal ausgiebig am Hintern gekratzt hat. Beim Händewaschen hab ich sie aber zeitnah nicht gesehen. Ich hoffe mal, dass der Schnupperer das nicht sieht.
Nach gefühlt endlosen Diskussionen kommt es für die Schnupperer noch abenteuerlicher. Das kognitive Workout, wie es bei uns genannt wird. Da gibt es verschieden Spiele, die meist für kleine Kinder gedacht sind. Da man als psychisch kranke Person sowieso, wie ein Kind behandelt wird, passt es ganz gut. Wir ziehen aus der Regenbogenbox eines der möglichen Spiele. Völkerball mit Kissen, besonders beliebt bei den Betreuern und Betreuerinnen. Wir nennen es den „freundlichen Freundesball“. Knallt man jemanden ab, ist es eine freundliche Kontaktaufnahme. Wenn die Betreuer und Betreuerinnen besonders auf Zack sind, müssen wir den Ball an den Gleichen zurückwerfen, der uns abgeschossen hat und dabei den Namen des Getroffenen sagen. Hier entsteht dann oft ein neues Chaos. Nun gut, es hätte auch schlimmer kommen können.
Head, Shoulders, Knees & Toes mit vertauschten Körperteilen wäre auch noch in der Box zu ziehen gewesen… Kennt sicher jeder noch aus seiner Volkschul bzw. Kindergartenzeit.
Das fühlt sich für die meisten außenstehenden Personen etwas komisch an. Ehrlich gesagt, auch für mich…